VOL 1. NO. 3, 1-6, MAY 22, 2025.
Anti-kaschmirischen Rassismus definieren
Geschrieben von Binish Ahmed, übersetzt von Dr. Friederike Landau-Donnelly
Binish Ahmed bietet einen Überblick über die Auswirkungen von Rassismus von Kaschmiri*s[1], die zu deren Entmenschlichung, Stereotypisierung und Auslöschung ihrer Geschichten beiträgt.
Anti-kaschmirischer Rassismus ist eine Form des anti-indigenen und anti-asiatischen Rassismus, der Kaschmiri*s und ihre Geschichten stereotypisiert, entmenschlicht, marginalisiert, unterdrückt und auslöscht. Anti-kaschmirischer Rassismus ist system(at)isch, und sowohl kulturell als auch institutionell bedingt. Effekte dieses Rassismus führen zu anhaltenden, sich wiederholenden Ungleichbehandlungen, Hass und physischer sowie psychisch-symbolischer Gewalt gegenüber Kaschmiri*s.
Anti-kaschmirischer Rassismus besteht in der Verleugnung der Pluralität der spirituellen Glaubensgruppen in Kaschmir, die sich historisch aus Muslim*innen, Sikh*s, Hindu*s, Christ*innen, Buddhist*innen und anderen Glaubensgemeinschaften zusammensetzt. Angesichts der eigentlichen Pluralität innerhalb Kaschmirs ist kaschmirfeindlicher Rassismus intersektional mit anderen Macht- und Unterdrückungssystemen verwoben. Teilweise kann anti-kaschmirischer Rassismus auch mit anti-muslimischen Haltungen verflochten sein; dies äußert sich darin, dass kaschmirische Muslim*innen stereotypisiert, dämonisiert und als „Terrorist*innen“, „Militante“, „Rebell*innen“ usw. diffamiert werden. In Kaschmir lebende kaschmirische Muslim*innen werden von indischen Kolonialist*innen als „Außenseiter*innen“ oder „Eindringlinge“ bezeichnet, und damit aus der Kategorie der „Einheimischen“ in Kaschmir gestrichen. Anti-kaschmirischer Rassismus und Hass manifestieren sich in der Stereotypisierung von Kaschmiri*s, insbesondere von Muslim*innen und Sikh*s, als „von Natur aus“ gewalttätig, rückständig und barbarisch, und der Darstellung als „Terrorist*innen“.
Strukturell ist anti-kaschmirischer Rassismus mit genozidalem Siedler*kolonialismus verbunden, der die Territorien von Kaschmiri*s überlagert. Während die kaschmirische Souveränität nie ausgelöscht wurde und den post-westfälischen, imperialen, eurozentrischen, siedler*-kolonialen Nationalstaatssystemen Indiens, Pakistans und Chinas vorausging, funktioniert anti-kaschmirischer Rassismus durch die Leugnung, Auslöschung und Unterdrückung der kaschmirischen Souveränität, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Sie erlaubt Diebstahl und Landnahme von kaschmirischem Land an koloniale Mächte ohne die kollektive, vorherige und freiwillige Zustimmung der kaschmirischen Bevölkerung.
Anti-kaschmirischer Rassismus stellt den Widerstand der einheimischen Kaschmiri*s gegen die siedlungskoloniale Besetzung ihrer Gebiete als illegitim dar. Umgekehrt wird die Besetzung und Kontrolle der Gebiete der kaschmirischen Menschen durch Siedlerkolonialist*innen als legitim dargestellt.
Anti-kaschmirischer Rassismus besteht in der Normalisierung des kaschmirischen Landraubs, des Ressourcendiebstahls, der Enteignung und der Vertreibung der einheimischen Kaschmiri*s. Darüber hinaus beinhaltet die rassistische Ansprüche auf kaschmirisches Land durch Außenseiter*innen, die sich „selbst indigenisieren“, um die Einheimischen zu ersetzen oder auszulöschen, und zielt darauf ab, die einheimischen Gruppen demografisch zu verändern und vom Landraub durch Genozid zu profitieren.
Anti-kaschmirischer Rassismus beinhaltet die Legalisierung der system(at)ischen Unterdrückung und Verletzung grundlegender Menschenrechte des kaschmirischen Volkes durch Gesetzgebung, Politik und kulturelle Praktiken. Anti-kaschmirischer Rassismus umfasst auch die Diffamierung und Verleumdung von Kaschmiri*s und ihren Verbündeten als „Anti-Hindu*s“, Terrorismusunterstützende und/oder -sympathisant*innen, „Dissident*innen“, „Volksverhetzer*innen“, „Separatist*innen“, „anti-national“.
Anti-kaschmirischer Rassismus dient dazu, die Kaschmiri*s zu entmenschlichen, indem sie als „unfähig“ oder „ungeeignet“ dargestellt werden, die Angelegenheiten und die Territorien ihrer Nation selbst zu regeln. Dieses rassistische Vorurteil wird häufig verwendet, um zu rechtfertigen, dass die Kaschmiri*s „von Natur aus“ von siedlerkolonialen Besatzungsregimen kontrolliert oder kolonialisiert werden müssen. Damit werden Kaschmiri*s so dargestellt, dass sie Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten und Gebiete nicht verdienen oder dessen nicht würdig sind.
Rassistische anti-kaschmirische Politiken und Gesetzgebung zielen darauf ab, die Kaschmiri*s im Mainstream siedlungskolonialer Regime und pro-hinduistischer Kultur zu assimilieren bzw. zu vernichten. Kaschmirfeindlicher Rassismus besteht aus kolonialen kulturellen Normen und Maßnahmen, die die kulturellen Praktiken und Lebensweisen der Kaschmiri*s untergraben. Diese Maßnahmen enthalten Muster des Schämens, die kaschmirische Sprachen zu besprechen oder das Bezeichnen kaschmirischer Sprache und Kultur als „rückständig“ und „minderwertig“.
Anti-kaschmirisch rassistische Vorurteile stereotypisieren den Widerstand der kaschmirischen Menschenrechts- und Landverteidiger*innen als anti-indische, anti-pakistanische und anti-chinesische „Elemente“ oder „Aktionen“; dem wird häufig mit politischen und gesetzlichen Maßnahmen entgegnet, die die Verfolgung von Kaschmiri*s und ihre Verbündeten systematisch legalisieren.
Anti-kaschmirische rassistische Voreingenommenheit und Diskriierung drückt sich am Arbeitsplatz aus, in der Schule, an Orten des Gebets, und alle anderen Lebensbereichen in Kaschmir, und für Kaschmiri*s in der Diaspora. Es ist beispielsweise dokumentiert worden, dass Kaschmiri*s und ihre Verbündeten an Fughäfen unverhältnismäßig überwacht und durchsucht wurden, und in manchen Fällen, ihre Reisefreiheit aufgrund ihrer Unterstützung für kaschmirische Freiheits- und Menschenrechte eingeschränkt wurde.
Die Verleugnung, Verringerung und Auslöschung der kaschmirischen Erfahrung und ihrer Verbündeten, wenn sie Vorurteile und Diskriminierung erfahren, sind andere Erscheinungsformen von anti-kaschmirischem Rassismus.
Kaschmirfeindlicher Rassismus umfasst die Aneignung kaschmirischer Kultur, z. B. von Kunsthandwerk (wie Stickereien, traditionelle Kleidung und Schmuck), Musik (z. B. die verwertungslogische Verwendung von Bollywood in Liedern wie „Bumbhroo, Bumbhroo“), Lebensmitteln (z. B. der salzige „Kashmiri Nun Chai“, der weitläufig von den Kolonialist*innen als süßer „Kashmiri Pink Tea“ verkauft wird) und anderen Dingen. Kulturelle Aneignung wird für finanziellen Profit, zu Unterhaltungszwecken oder zu anderen Formen des Profits betrieben. Häufig geschieht dies ohne die kollektive freie, vorherige und informierte Zustimmung und/oder das Verständnis kulturell angemessener Verwendung und der historischen/kontextuellen Bedeutung für die kaschmirische Bevölkerung.
Der kaschmirfeindliche Rassismus besteht in der negativen und voreingenommenen Darstellung von Kaschmiri*s in den Medien sowie in der Auslöschung und Unterdrückung kaschmirischer Perspektiven und Stimmen in Mainstream-Medien und sozialen Medien.
Anti-kaschmirischer Rassismus äußert sich in der Kriminalisierung und Profilierung von Kaschmiri*s als „Sicherheitsrisiken“, die überwacht werden müssen. Dazu gehören die exzessive Überwachung, das Doxxing und die Erstellung von Profilen von Kaschmiri*s durch staatliche und nicht-staatliche Akteur*innen (beispielsweise beim Passieren von Flughäfen, Arbeitsplätzen, Schulen und öffentlichen Räumen). Er drückt sich außerdem in Form von physischer Gewalt, Belästigung und Drohungen gegen Kaschmiri*s aufgrund ihrer Identität aus.
Kaschmirfeindlicher Rassismus agiert, um Kaschmiri*s gewaltsam zu vertreiben und sie ihrer Häuser und ihres Landes zu berauben, durch Ressourcenextraktion und Landnahme durch Siedlungskolonialist*innen, unter Nutzung kolonialer Gesetze, die die inhärenten Landrechte der Kaschmiri*s verletzen.
Anti-kaschmirischer Rassismus besteht darin, dass Kaschmiri*s gezwungen werden, unter kolonialen Gesetzen zu leben, die sie zu Subjekten zweiter Klasse auf ihrem eigenen Boden machen. Dazu gehört, dass sie Identitätskarten mit sich führen müssen, um Grenzkontrollpunkte der Kolonialist*innen zu passieren, und dass ihnen Zugang zu Teilen ihrer Territorien und zu Ressourcen (wie Strom und Wasser) oder Infrastruktur (wie Brücken) verwehrt wird, da diese priorisiert für die Nutzung durch Kolonialist*innen werden, während die einheimische Kaschmiri*s von ihrer Nutzung abgehalten werden in Apartheid-ähnlichen Bedingungen.
Anti-kaschmirischer Rassismus äußert sich darin, dass Kaschmiri*s die Schuld für Probleme gegeben wird, mit denen sie infolge kolonialer Besetzung, Apartheid und des Krieges gegen sie konfrontiert sind. Dazu gehört auch die von Kolonialmächten finanzierte Unterwanderung ihrer Gemeinschaften, die darauf abzielt, Kaschmiri*s zu spalten und Misstrauen untereinander zu schaffen.
Anti-kaschmirischer Rassismus äußert sich darin, dass kaschmirische Gruppen oder Einzelpersonen tokenistisch für eine performative Verbündetheit benutzt werden, während prinzipielle Solidarität und Veranwortung außen vor gelassen werden, was häufig geschieht, um Schäden zu vertuschen, die an Kaschmiri*s begangen wurden.
About the Author of the German Translation – May 22, 2025
Dr. Friederike Landau-Donnelly ist politische Theoretikerin und Kulturgeographin. Dr. Landau-Donnelly forscht zu umstrittenen kulturellen Räumen wie Museen und Konflikttheorie. Mehr Informationen: www.friederikelandau.com
About the Author, English version – July 14, 2024
Binish Ahmed ist Doktorandin (ABD) an der Toronto Metropolitan University. Sie erhielt ihren MA in Public Policy von der Brock University und einen BA Honors mit Hauptfach Politikwissenschaften sowie Nebenfächern in Geschichte und Südasienstudien von der University of Toronto. Ihre Texte sind im Indigenous Policy Journal, Critical Policy Studies Journal, Room Magazine, Feral Feminisms Journal, Rabble, UppingTheAnti, The Conversation und anderen erschienen. Geboren in Srinagar, Kaschmir, lebt und arbeitet sie derzeit in Tkaronto, dem Vertragsgebiet des Dish With One Spoon Wampum Belt. Ihre anderen Arbeiten können hier gelesen werden.
Dank an Dr. Friederike Landau-Donnelly für die Unterstützung bei der deutschen Übersetzung dieser Arbeit.
[1] Der Ausdruck des Gendersterns umfasst Menschen verschiedenster Gender-Identitäten.
